Die Frau aus Markkleeberg hat geweint, erzählt Becker, nicht weil sie wütend war sondern weil sie sich geschämt hat, sie dachte sie hätte etwas übersehen müssen. Becker sagt solche Reaktionen erlebt er oft, die Käufer geben sich selbst die Schuld obwohl sie nichts hätten sehen können, weil die Manipulationen professionell gemacht werden und weil bei einem Kleinwagen mit angeblich 54000 auf dem Tacho kein normaler Mensch misstrauisch wird. Der ADAC schätzt dass jeder dritte Gebrauchtwagen in Deutschland einen manipulierten Kilometerstand hat, und die Studie des Europäischen Parlaments beziffert den gesamtwirtschaftlichen Schaden in der EU auf 5,6 bis 9,6 Milliarden Euro jährlich. Die Frau hat den Händler in Plagwitz angerufen, der hat gesagt er habe den Wagen so angekauft, könne nichts dafür, und hat aufgelegt. Einen Anwalt hat sie nicht eingeschaltet, weil die Anwaltskosten bei einem 8900-Euro-Auto unverhältnismäßig erschienen und weil ihr Mann gesagt hat lass es, das wird eh nichts.
Zwei Wochen später der zweite Fall. Kombi, 2017er, Diesel, Besitzer ein Handwerker aus Taucha, 98000 auf dem Tacho, tatsächlich wahrscheinlich 185000. Der Handwerker hatte den Wagen über eine Online-Plattform von privat gekauft, Übergabe auf einem Parkplatz in Leipzig-Paunsdorf, Bargeld, kein richtiger Kaufvertrag, nur ein Zettel mit Unterschriften. Becker sagt bei Privatkäufen auf Parkplätzen weiß er meistens schon was kommt bevor er den Wagen anschaut. Der Handwerker wollte Anzeige erstatten, hat drei Stunden bei der Polizei gesessen, und das Verfahren wurde nach sechs Wochen eingestellt weil der Verkäufer unter der angegebenen Adresse nicht erreichbar war. Seit August 2005 ist Tachomanipulation nach §22b StVG strafbar, bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe, nur muss man den Täter erstmal finden. Und selbst wenn man ihn findet, sagt Becker, dauert ein Verfahren Monate, manchmal über ein Jahr, und am Ende steht meistens eine Geldstrafe die niedriger ist als der Gewinn den der Täter mit einer einzigen Manipulation gemacht hat. Das rechnet sich für die Falschen.

Der dritte Fall war der interessanteste, sagt Becker. Ein Transporter, relativ neu, 2021er, angeblich 52000 Kilometer, Besitzer war ein IT-Unternehmer aus Grimma der den Wagen als Firmenfahrzeug nutzte. Bei der Inspektion hat Beckers Meister den Ölzustand geprüft, sah aus wie bei 130000, und dann hat er ins digitale Serviceheft geschaut, der letzte Werkstatteintrag vermerkte 127000 Kilometer, datiert auf vier Monate vor dem Kauf. Der IT-Unternehmer hatte den Transporter von einem Händler in Dresden gekauft, der ihn wiederum aus Polen importiert hatte. Die polnische Vorgeschichte zeigte laut Fahrzeughistorie die Becker abrufen ließ noch höhere Werte, der letzte polnische Eintrag lag bei 141000. Der Unternehmer aus Grimma hat einen Anwalt eingeschaltet und Rücktritt vom Kaufvertrag erklärt, das Verfahren läuft noch.
Das KBA meldet für 2024 einen Durchschnitt von 12309 Kilometern pro Pkw, bei Diesel knapp 17000. Der DAT-Report zeigt dass Gebrauchte privat im Schnitt mit 82400 Kilometern verkauft werden, beim Markenhandel mit 40000. Sachsen liegt laut Polizeilicher Kriminalstatistik im Mittelfeld bei Kfz-Betrugsdelikten, das LKA Sachsen hat 2024 insgesamt 41 Ermittlungsverfahren wegen gewerbsmäßiger Tachomanipulation gemeldet, die meisten im Raum Leipzig und Dresden. Becker sagt die Dunkelziffer bei dieser autokauf betrugsmasche sei enorm weil die Hälfte seiner Kunden die eine Manipulation erfährt überhaupt nichts unternimmt, aus Scham, aus Kostengründen oder weil sie denken es bringt sowieso nichts.
Er hat angefangen bei jeder Inspektion die OBD-Daten abzugleichen und den Fehlerspeicher auf Kilometereinträge zu durchsuchen, dauert zehn Minuten, rechnet er nicht extra ab. Seit er das macht, sagt er, findet er jeden Monat ein zwei Auffälligkeiten. Nicht immer sind es 80000 Kilometer Differenz, manchmal nur 20000 oder 30000, gerade genug um den Preis um 1500 bis 2000 Euro zu drücken und gerade wenig genug um nicht aufzufallen wenn man nicht genau hinguckt. Die Frau aus Markkleeberg fährt den roten Kleinwagen immer noch, sie hat sich damit abgefunden, sagt Becker, und beim nächsten Mal wird sie vorher prüfen. Der Handwerker aus Taucha auch. Ob der IT-Unternehmer aus Grimma sein Geld zurückbekommt weiß Becker nicht. Er hofft es, sagt allerdings dass er bei einem Dresdner Händler der polnische Importe verkauft nicht allzu optimistisch wäre.
Becker erzählt mir noch dass er letztes Jahr selbst ein Auto gekauft hat, einen Kombi für seine Frau, von einem Händler in Halle. Er hat den Wagen vorher komplett durchgeprüft, OBD ausgelesen, Bremsen angeschaut, Lack gemessen, Serviceheft kontrolliert, Fahrzeughistorie abgerufen, alles sauber. Sein Werkstattmeister hat ihn ausgelacht und gesagt du bist schlimmer als meine Schwiegermutter beim Einkaufen. Becker sagt er weiß wie viele manipulierte Autos auf dem Markt sind und er wird kein Auto mehr kaufen ohne vorher alles zu prüfen was man prüfen kann. Das ist Berufsdeformation, sagt er, und lacht dabei so wie Leute lachen die eigentlich nicht lachen. Die Werkstatt in Connewitz macht um sechs zu, um halb sieben sitzt Becker meistens noch an den Rechnungen, seine Frau holt ihn manchmal ab wenn sie in der Gegend ist, und dann fahren sie in dem Kombi nach Hause von dem er genau weiß dass die Kilometer stimmen.

